Presse


Arminio am Meininger Theater


Orpheus 5+6. 2008
Glänzender Held

Es lohnt sich, Vergessenes auszugraben.
von Renate Freyeisen

"… Der stärkste Typ aber war der Intrigant Segeste; Denis Lakey, ausgeliehen vom Theater Erfurt, bestach durch sein überzeugendes Spiel und seinen 'runden', strahlend vollen Countertenor."



Saale-Zeitung 11.04.08
Eine zu Unrecht vergessene Oper

Premiere von Francesco Rinaldis „Arminio“
in Meiningen – Intermezzo mit Happy End
von Thomas Ahnert

"… (die Sänger) ließen keine Wünsche offen,
sangen nicht nur technisch souverän die schwierigen Partien, sondern spielten geradezu mit der Dramatik und den Emotionen. Und – höchst erfreulich und keineswegs selbstverständlich – sie sangen außerordentlich textverständlich. Aber trotz der homogenen Gesamtleistung sollte nicht unerwähnt bleiben, dass Denis Lakey den Segeste mit einem derart mutigen dramatischen Druck sang, wie man es bei einem Countertenor nur selten zu hören bekommt."


                                                                                                                   

Main-Post 11.04.08 (Artikel auch in 'das Orchester' Ausgabe Juni 2008)
Und über allem eine Leichtigkeit

276 Jahre nach der Erstaufführung in Wien: Die Meininger graben eine vergessene Barockoper aus
von Siggi Seuss

"Grandioser Auftritt: Denis Lakey als Segeste … Ähnliches gilt auch für den zornigen Segeste, der ständig Dolche aus dem Wolkenhimmel ziehen muss, um seine Wut am Kochen zu halten. Und das Ganze noch bis zum Happy End in höchsten Tönen. Alle Achtung, Denis Lakey!" Vollständiger Text siehe unten.



Südthüringer Zeitung 07.04.08
Amor verzaubert die Welt

Gelungene Meininger Premiere für die Barockoper „Arminio“
von Peter Lauterbach

"…Stimmlich beeindruckt natürlich sofort Countertenor Denis Lakey, der dem Chatten-Fürsten Segeste unterschwellig stets auch etwas Bedrohliches in die Seele schiebt…" Vollständiger Text siehe unten.



Thüringer Allgemeine 07.04.08
Meininger Barock

von Wolfgang Wicht

"Ein vorzügliches Solistenensemble bringt die Gefühlsdramatik stimmlich und gestisch überzeugend zum Tragen … der famose Countertenor Denis Lakey (Segeste). Dessen Händel-würdige Koloratur-Bravourarie elektrisierte förmlich das Publikum.
Kurzum, mit dem "Arminio" hat Meiningen ein kleines musikalisches Juwel entdeckt und es dem Publikum zum hoch unterhaltsamen Geschenk gemacht."
Vollständiger Text siehe unten
   




Fuldaer Zeitung 08.04.08
Die Liebe im Koloraturgewitter
von Christoph A. Brandner

"Dabei verdienten sich Bestnoten: die drei vorzüglichen Sopranistinnen und Koloraturkönnerinnen Iva Ionova (Arminio), Daniela Dott (Tusnelda) und Maria Rosendorfsky (Ramise), der brillante Countertenor Denis Lakey aus Erfurt (Segeste) und der Bass Jörn E. Werner (Varo).
Das knapp zweistündige Theaterereignis wurde vom Publikum mit gebührendem Applaus gefeiert. Froh stimmte auch die finale frohe Botschaft. „So verwandelt der Gott der Liebe die Bitternisse in Fröhlichkeit.“
Wer dies miterleben will, der muss sich bis zur neuen                    
Meininger Spielzeit gedulden." Vollständiger Text siehe unten.                                                                           


Deutsche Erstaufführung
Amor verzaubert die Welt
Gelungene Meininger Premiere für die Barockoper „Arminio“

Von Peter Lauterbach

Meiningen – Noch sind es genau 401 Jahre, bis die römische Weltordnung zusammenbricht. 410 plündern die Westgoten Rom. Doch erschüttert wird das Reich bereits im Jahr 9, als Armin der Cherusker drei römischen Legionen unter dem Feldherren Varus eine Niederlage beibringt. Als „Schlacht im Teutoburger Wald“ wird das Ereignis zur Merkzahl der Weltgeschichte und zum Menetekel Roms.
Riss in der Weltordnung
So leuchtet ein, dass die prunkvolle antike Architektur aus Linien, Fluchten und Schnörkeln, die den oberen Teil des Bühnenbildes im Meininger Theatermuseum ziert, nach unten hin abgerissen ist wie ein Stück Papier. Wolken quellen hervor. Soll heißen: Noch schwebt die römische Herrschaft über der Welt, aber sie kann den Riss, den ihr jene Schlacht zugefügte, nicht verbergen. Bedächtig schreitet Segeste, Fürst der Chatten, Bundesgenosse der Römer und Schwiegervater Arminios auf die Bühne und sticht Dolche in die Wolken. Gleichsam den Hieben der Schlacht, in der so viele Römer ihr Leben ließen.
Vor dieser gewaltigen antiken Folie hat Francesco Rinaldi ein „Intermezzo musicale“ komponiert, das 1732 unter dem Titel „Arminio“ am Wiener Kärntnertortheater uraufgeführt wurde. Dass die deutsche Erstaufführung dieser barocken Oper am vergangenen Freitag erst nach 276 Jahren und dann in Meiningen erfolgt, ist Herzog Anton Ulrich zu verdanken. Der Meininger Landesherr weilte in den dreißiger und vierziger Jahren des 18. Jahrhunderts oft in Wien und kaufte eine stattliche Anzahl von Kompositionen, die heute als Anton-Ulrich-Notensammlung zu den Meininger Schätzen zählen.
Die Premiere dieser Oper im Theatermuseum – mit ihr sollten eigentlich die noch in Bau befindlichen Kammerspiele eröffnet werden – darf als außergewöhnliches Ereignis bezeichnet werden. Zum einen, weil Meiningen hier mit seinen eigenen Schätzen wuchert. Zum anderen, weil Regisseur Klaus Rak, dem mit der Herstellung der Orchesterfassung betrauten Allardyce Mallon sowie den an der Rekonstruktion der Barockoper Beteiligten ein beeindruckendes Kunstwerk gelang.
Zur Verfügung standen lediglich eine Partitur und die in altitalienischer Sprache gehaltene Textfassung, in der die historischen Ereignisse den Vorlieben des Barockzeitalters entsprechend natürlich hinter die Liebesgeschichte des Stammesfürsten Arminio und seiner Frau Tusnelda zurücktreten.
Musik im Mittelpunkt
Die sparsame Bühne (außer der antiken Dekoration und dem Wolkenmeer sind nur Stühle, Dolche und ein Schwert zu sehen) lenkt die Aufmerksamkeit ganz auf die Musik. Die Dramatik und Leidenschaftlichkeit der Handlung, die Gefangennahme Arminios durch Segeste und seine Übergabe an den Römer Varo, das Liebesspiel zwischen Arminio, Varo und Tusnelda, die Rachepläne von Arminios Schwester Ramise – all das bringen die fünf Sänger mimisch und gestisch ganz gut zum Ausdruck. Dabei werden als Zeichen für Zorn und Empörung des öfteren Dolche zu Boden geschmissen und Stühle umgestoßen. Die barocke Oper mit ihren kurzen Szenen aus Gesang und Rezitativ erlaubt es kaum, die Handlung mit bühnenbildnerischen Mitteln zu verdeutlichen. Liebe, Rache und Stolz sind Gefühlsregungen, die ohnehin mehr im Kopf der fünf handelnden Figuren ablaufen. Allerdings bleiben damit deren Motive für den Zuhörer auch sehr im Unklaren. Und man muss schon sehr genau in den Gesichtern der Sänger lesen, um eine Ahnung davon zu erhalten, worum es eigentlich gehen könnte. Das Fehlen deutscher Überblendtitel dürfte das größte Manko dieser dem Publikum unbekannten Oper sein.
Stimmlich beeindruckt natürlich sofort Countertenor Denis Lakey, der dem Chatten-Fürsten Segeste unterschwellig stets auch etwas Bedrohliches in die Seele schiebt. Daniela Dott als Tusnelda, Jörn E. Werner als Varo und Maria Rosendorfsky als Ramise sind in ihrer Interpretation auf gleichem Niveau. Den beiden Frauen gelingt betonen auch eine lyrische Note, zumal manche Sequenzen von Rinaldis Musik sehr an den frühen Mozart erinnern. Stimmlich herausragend ist ohne Zweifel Iva Ionova in der Hosenrolle des Arminio, der man die große Erfahrung mit der barocken Ausdrucksweise anhört. Sie sing die Partie durchweg bezaubernd klar und vor allem bei den zarten Tönen betörend. Elisa Gogou am Cembalo dirigiert die Hofkapelle mit Gespür für die Dramatik und Liebeslyrik des Werkes. Trotz der Verständnisprobleme darf „Arminio“ als eine herausragende Meininger Opernproduktion gelten.
 
Weitere Aufführungen erst im kommenden Jahr.



Die Liebe im Koloraturgewitter

Von Christoph A. Brandner

MEININGEN Bei Franceso Rinaldi führt selbst die Suchmaschine Google ganz und gar in die Irre. Unter diesem Namen wird an erster Stelle eine Pasta-Sauce genannt; über Leben und Werk des italienischen Komponisten Francesco Rinaldi findet man keine Silbe.

Von ihm weiß man lediglich, dass er mindestens drei Opern komponiert hat. Eine trägt den Titel „Arminio“, wurde 1732 in Wien uraufgeführt und dann vergessen.
Dass diese Barockoper für fünf Singstimmen und kleines Orchester jetzt als deutsche Erstaufführung im Meininger Theatermuseum eine beeindruckende Premiere hatte, ist vornehmlich zwei Männern zu danken: Zunächst Herzog Anton Ulrich von Sachsen-Meinigen (1687 – 1763), einem rührigen Mann mit zwei Frauen und 18 Kindern, der über 15 Jahre lang als Diplomat in Wien sehr oft das Kärntnertortheater besuchte, die Partitur erwarb und nach Meiningen bringen ließ. Zweiter im Bunde ist Meiningens Operndirektor Klaus Rak, der auf der Suche nach einem Barockwerk in den heimischen Museen fündig wurde. 1912 hatte Herzog Georg II. die gesamte Kollektion aus Wien in Leder binden und mit Goldprägung versehen lassen.
276 Jahre währte der Dornröschenschlaf des Meisterwerks, das auf einer militärischen Sensation gründet, die inzwischen fast 2000 Jahre zurückliegt, die Schlacht im Teutoburger Wald, in dem Cheruskerfürst Arminio drei Legionen des römischen Feldherrn Varus den Garaus machte.

Drama mit Happy End

In den über 50 Arminio-Opern der Barockzeit waren die historischen Ereignisse allerdings Nebensache. Komponisten und Publikum ergötzten sich am Familiendrama mit gutem Ende und an der Liebesgeschichte von Arminius und Gattin Tusnelda, Tochter des verräterischen Chattenfürsten Segeste. Der Gegensatz zwischen diesem Bösewicht und dem Edelmenschen Arminio regiert die Handlung, an der zudem beteiligt sind der unglücklich in Tusnelda verliebte Oberbefehlshaber Varo und Arminios Schwester Ramise.
Rinaldi komponierte, eng am Vorbild des 1730 in Mailand uraufgeführten „Arminio“ von Johann Adolf Hasse, eine typische Barockoper mit hochvirtuosen Arien und Koloraturfeuerwerken im ABA-System. Die Musik, die an Händel und Vivaldi gemahnt, manchmal auf Mozart hinweist, lässt den Solistinnen und Solisten sehr viel Freiheit. Unter der leidenschaftlichen Leitung von Elisa Gogou am Cembalo musizierten Mitglieder der Meininger Hofkapelle sehr akkurat, phrasierungssicher, klangkompakt und differenziert. Den Solistinnen und Solisten waren Gogou und ihr Ensemble stets zuverlässige und sängerfreundliche Partner. Allardyce Mallon hatte aus der Partitur eine Orchesterfassung für 17 Instrumente und Cembalo hergestellt.
Bernd Dieter Müllers Einheitsbühnenbild zeigte, dass das römische Imperium bereits aus dem Gleichgewicht geraten ist. Die Kostüme transportierten das Werk teilweise in unsere Zeit. Als Requisiten genügten einige Stühle, Dolche und Degen. Regisseur Rak konzentrierte sich in seiner psychologisch ausgefeilten Inszenierung auf Kinder- und Elternliebe, auf die Themen Treue und Verrat. Die eindringlichen Bilder und Szenen einer ungewöhnlichen Familie berichteten zwar aus einer längst vergangenen Zeit, waren jedoch erstaunlich heutig und aktuell.
Für das Verständnis der Geschichte und der Motive wäre es sehr hilfreich gewesen, den italienischen Text in deutsche Übertitel zu übertragen, zumal es dem Werk an äußerer Handlung fast völlig gebricht, Seelenlandschaften also nur durch Stimme, Mimik und Gestik transparent gemacht werden können. Dabei verdienten sich Bestnoten: die drei vorzüglichen Sopranistinnen und Koloraturkönnerinnen Iva Ionova (Arminio), Daniela Dott (Tusnelda) und Maria Rosendorfsky (Ramise), der brillante Countertenor Denis Lakey aus Erfurt (Segeste) und der Bass Jörn E. Werner (Varo).
Das knapp zweistündige Theaterereignis wurde vom Publikum mit gebührendem Applaus gefeiert. Froh stimmte auch die finale frohe Botschaft. „So verwandelt der Gott der Liebe die Bitternisse in Fröhlichkeit.“
Wer dies miterleben will, der muss sich bis zur neuen Meininger Spielzeit gedulden.



Meininger Barock

Von Wolfgang WICHT


Der Name des Komponisten Francesco Rinaldi ist weder in einschlägigen Lexika noch bei Wikipedia zu finden. Drei seiner Opern ruhen in der reichen Sammlung Musikgeschichte der Meininger Museen. Das ortsansässige Theater und das Archiv (Maren Goltz) haben "Arminio" ausgegraben und der Vergessenheit entrissen.
MEININGEN. Zum ersten Mal wurde "Arminio" 1732 im Theater am Kärtnertor in Wien aufgeführt, das Herzog Anton Ulrich von Sachsen-Meiningen zu jener Zeit wahrscheinlich regelmäßig besuchte. Unter der erstaunlichen Zahl von Partituren und Textbüchern, die der Sammler-Herzog in Wien erwarb, befinden sich auch die Rinaldi-Werke. Nach der Premiere und einer weiteren Aufführung 1740 kann sich Meiningen nun rühmen, "Arminio" il 2008 zum dritten Mal überhaupt produziert zu haben.

Das Werk entspricht selbstredend dem historisch gängigen Typus der italienischen Opera seria. Die Konflikte in einem mythologischen oder, wie hier, historisch-heroischen Stoff werden im Triumph der Liebe gelöst. Eine dreiaktige Struktur ist aufgegliedert in viele kurze Szenen, die wiederum zweigeteilt sind in (überwiegend) dialogische Rezitative und monologische Arien oder Ensembles am Ende des 2. und 3. Akts. Die Konvention freilich birgt, wie in Meiningen zu erleben, Überraschendes. Diese Oper hat ihre eigene Handschrift. Sie ist originell in der musikalischen Form, differenziert im Ausdruck und kurzweilig für das Publikum.
Allardyce Mallon hat die Rinaldi-Partitur für ein modernes Kammerorchester eingerichtet, zu dem neben dem Streicherapparat Oboen, Fagott, Hörner und natürlich das unverzichtbare Cembalo gehören. Vorsätzlich bekennt man sich zu modernem Meininger Barock-Musizieren und gegen die Moden der historisierenden Aufführungspraxis. Konsequenterweise hat Michaela Boenke das veraltete in heutiges Italienisch übersetzt. Der Erfolg gibt den Künstlern recht. Es ist auch der Erfolg der jungen Kapellmeisterin Elisa Gogou, die die Rezitative selbst am Cembalo begleitet. Mit knappen, präzisen Handbewegungen gestaltet sie mit den Mitgliedern der Hofkapelle ein fein austariertes, homogenes und federnd-elastisches Klanggemälde, das der psychisch-emotionalen Dimension der Musik nachhaltigen Ausdruck verschafft. Klaus Rak hat die etwas gestelzte Geschichte von der Gefangennahme, Todesverurteilung und letztlichen Freilassung des heldenmütigen Cheruskerfürsten Arminio durch den römischen Feldherrn Varo als Kammerspiel inszeniert. Auf leerer Bühne - sie wird hinten begrenzt von einer Art großflächigem Prospekt, wie sie um 1900 in Meiningen gebräuchlich waren (Bernd Dieter Müller) - durchleuchtet er auf der Handlungsebene der Rezitative und auf der Reflexionsebene der Arien die Befindlichkeiten. Die Schlacht im Teutoburger Wald bleibt im Hintergrund. Auf der publikumsnahen Bühne der historischen Reithalle agieren Menschen, die in ein Schicksal auf Leben und Tod und in schmerzlichen inneren Zwiespalt geworfen sind.
Ein vorzügliches Solistenensemble bringt die Gefühlsdramatik stimmlich und gestisch überzeugend zum Tragen: die im Timbre differierenden, koloratur- und höhenfesten Sopranistinnen Iva Ionova (Arminio), Daniela Dott (Tusnelda, deren unbeugsame Liebe ihren Gatten Arminio rettet) und Maria Rosendorfsky (Arminios Schwester Ramise), der bassgewaltige, aber nicht ganz stilsichere Jörn E. Werner (Varo) und der famose Countertenor Denis Lakey (Segeste). Dessen Händel-würdige Koloratur-Bravourarie elektrisierte förmlich das Publikum.
Kurzum, mit dem "Arminio" hat Meiningen ein kleines musikalisches Juwel entdeckt und es dem Publikum zum hoch unterhaltsamen Geschenk gemacht.



RINALDIS ARMINIO
Und über allem eine Leichtigkeit

Von Siggi Seuß

Skeptische Annäherung an ein Ereignis.Skeptische Annäherung an ein Ereignis. Kein Wunder, wenn die Pressestelle des Meininger Theaters eine „Deutsche Erstaufführung“ vorab in höchsten Tönen preist: „Opern-Event für Feinschmecker“, in dem „Römer und Barbaren ihre Emotionen in schmucke Armani-Seide kleiden“! Na und? Barbaren und Armani – als ob das etwas Neues wäre.
Die Rede ist von der vergessenen Barockoper „Arminio“ des unbekannten Komponisten Francesco Rinaldi, uraufgeführt am Hofe des Kaisers Karl VI. in Wien 1732. Und vom Meininger Herzog Anton Ulrich, der immer wieder gern nach Wien kam, dortselbst wohl auch am Kärntnertortheater gesehen. Der Adelige aus der thüringischen Provinz erwarb damals die Textbücher von mehr als 84 Produktionen und ließ die Partituren kopieren. Sehr viel später wurden die guten Stücke in Leder gebunden, mit Goldprägung versehen und – verschwanden in der Sammlung Musikgeschichte der Meininger Museen, wo sie nun ins Blickfeld des Interesses des Meininger Operndirektors Klaus Rak und der Musikwissenschaftlerin Maren Goltz gerieten.
Wir haben es also wieder einmal mit einer Opernausgrabung zu tun, besser gesagt: mit der Neuinstrumentierung der Partitur eines „Intermezzo musicale“ durch den Meininger Solorepetitor Allardyce Mallon. Rinaldis „Arminio“ ist eine kleine Oper für fünf Singstimmen (Countertenor, Bass, Mezzosopran, Sopran) und kleine Orchesterbesetzung. In Meiningen bringen 17 Musiker der Hofkapelle unter Leitung der jungen griechischen Dirigentin Elisa Gogou (die zudem am Cembalo begleitet) die Geschichte in Bewegung.
„Arminio, die Fünfzigste“, könnte man leicht sarkastisch hinzufügen, denn die Ereignisse um Hermann (Arminius) und die Schlacht zwischen Germanen und Römern im Teutoburger Wald, im Jahre 9 unserer Zeitrechnung, waren im 18. Jahrhundert der Stoff, aus dem viele Opernträume waren. Händels „Arminio“ ist die bekannteste Interpretation. Auch ihr liegt – wie in Rinaldis Version – das Libretto Anton Salvis zu Grunde. Von über 50 Fassungen der germanischen Heldengeschichte ist die Rede.
Und nun, 276 Jahre nach Wien, eine deutsche Erstaufführung. Hoffentlich scheitert das Unternehmen in Regie von Klaus Rak und unter musikalischer Leitung von Elisa Gogou nicht an Pathos und Barbaren, an Event und Armani. Der deutsche Text der in italienisch gesungenen Oper lässt Schreckliches befürchten. Es wimmelt nur so von gänzlich humorlosen Brusttönen, von „Schmach“ und „Schande“, „Vaterland“ und „Scham“, „Unterwerfung“, „Demütigung“, „Verrat“ und „Ehrlosigkeit“. Und selbstverständlich will unser glorreicher Held und Ehemann (Iva Ionova), trotz des Flehens seiner geliebten Tusnelda (Daniela Dott), „lieber sterben, um ein Beispiel abzugeben“ als dass sein Leben und sein Land gedemütigt werde.
Aufatmen können wir eigentlich nur, weil es beim Vaterlandsgeprotze am Ende doch um nichts Anderes geht als um die Liebe zwischen Mann und Weib, zwischen Bruder und Schwester Ramise (Maria Rosendorfsky). Und damit das Ganze Pepp bekommt, haben die Geschichtenerfinder der Barockzeit natürlich noch einen Bösewicht eingefügt, in Gestalt des ewig zornigen Segeste (der farbige Countertenor Denis Lakey) und den in Tusnelda verliebten römischen Feldherrn Varus – in der Meininger Interpretation ein hin- und hergerissener Zauderer (Jörn E. Werner).
Ende der Skepsis. Denn was wir in der einst herzöglichen Reithalle zu sehen und zu hören bekommen, das kann sich wirklich sehen und hören lassen. Zuerst einmal sitzt man staunend vor dem Bühnenbild des Österreichers Bernd Dieter Müller (er hat auch die Bühne für den jüngsten Meininger „Faust“ gestaltet), vor einer boden- und wandschrägen Kulisse. Unten naturalistischer Wolkenhimmel, sogar mit einer Himmelstür. Oben barocke Hallendecke, getrennt durch einen horizontalen Bruch des Mauerwerks. Und davor nun die tragischen Geschöpfe in ihren schmucken Gewändern der österreichischen, ebenfalls fausterfahrenen Kostümbildnerin Annette Zepperitz.


Weniger Pathos als vermutet

Das überrascht uns – freudig, ebenso wie Gesang und Spiel der fünf Bühnenkünstler. Das Herz hüpft. Erstens, weil das ganze Pathos weit weniger pathetisch wirkt als vermutet. Zweitens, weil der Regisseur allem eine – niemals aufdringliche – ironische Note verleiht. Nicht zuletzt dadurch, dass er der Handlung zwei schweigende junge Burschen zugesellt (Max Bach und Sascha Mey), die sich anfänglich als martialische Soldaten gerieren und am Ende redlich bemüht sind, sich lustvoll dem höfischen Tanze anzuschließen.


Leidenschaftlicher Vortrag

Applaudieren die beiden bekehrten Wächter den Sangeskünstlern am Ende, tut das Publikum das bereits nach jeder der zahlreichen Arien. Iva Ionova, Daniela Dott und Maria Rosendorfsky entzücken in ihrem leidenschaftlichen und stimmsicheren Vortrag von Arie zu Arie. Keine überspielt die andere. Trotz aller barocken Contenance spüren wir Sangeslust und Spielfreude, selbst in den kleinen Gesten.
Auch Jörn E. Werner ist da ein Meister der Mimik, und wenn dann aus dem lächerlich leidenden Amtsverweser Varus gar noch die tiefe Stimme emporsteigt, als stünde der Imperator persönlich vor uns, dann ahnt man, warum das Verhältnis von Himmel und heiliger Halle gebrochen ist. Ähnliches gilt für den zornigen Segeste, der ständig Dolche aus dem Wolkenhimmel ziehen muss, um seine Wut am Kochen zu halten. Und das ganze noch bis zum Happy End in höchsten Tönen. Alle Achtung, Denis Lakey!
Die Musiker der Meininger Hofkapelle kommen last – not least. Das hat seinen Grund: Das Wunderschöne ist, dass wir ihr Musizieren so wahrnehmen, als gehöre es einfach zu Himmel und Halle und Handlung. Die Meininger verzichten bewusst auf originale Barockinstrumente (ausgenommen das Cembalo), bringen Bläser und andere früher unübliche Instrumente zum Einsatz, um die Musik den Hörgewohnheiten des heutigen Publikums näherzubringen. Die Musik unterscheidet sich kaum von den Kompositionen anderer barocker Zeitgenossen, aber sie setzt die Handlung unprätentiös in Bewegung und umspielt die emotionalen Schwingungen der Figuren so, dass sich über dem Spielraum eine gewisse Leichtigkeit verbreitet. So kann sich das martialische Getöns in Wohlgefallen auflösen, bevor es überhaupt eine Chance hat, sich irgendwo festzusetzen.
Herzlicher und langer Beifall am Ende – für alle Beteiligten. Die Inszenierung allerdings wird erst 2009 wieder zu sehen sein. So ist das halt, wenn die Liebe auf der Bühne siegt und eine Sängerin im richtigen Leben schwanger wird.